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Wert- und risikoorientierte Steuerung

Über Jahrzehnte hinweg konzentrierten sich die deutschen Lebensversicherungsunternehmen auf die Generierung von Neugeschäft. Möglich war dies durch relativ hohe Zinsüberschüsse, die eine stets auskömmliche Überschussbeteiligung der Versicherten garantierten. Innerhalb weniger Jahre hat sich diese Situation jedoch dramatisch verändert. Eine anhaltende Niedrigzinsphase sowie gravierende Börseneinbrüche drückten die Kapitalmarktrendite bis auf das Niveau des Garantiezinses hinunter. In der Folge hatten einige Versicherungsunternehmen sogar Schwierigkeiten, ihre vertraglich vereinbarten Leistungen zu erbringen, und es wurde für alle Markteilnehmer offenkundig, dass nicht mehr jedes Geschäft finanzierbar sein würde. Berücksichtigt man zudem die neuen aufsichtsrechtlichen (Solvency II) und bilanziellen Anforderungen (IFRS), so ergibt sich die eindeutige Notwendigkeit für einen Paradigmenwechsel im deutschen Versicherungsmarkt: Die Unternehmen müssen ihre volumenorientierten Geschäftsphilosophien aufgeben und effektive wertorientierte Steuerungssysteme entwickeln.

Ziel unserer Forschung ist, diese Entwicklung von aussagekräftigen und praxisnahen Steuerungsmodellen für Versicherungsunternehmen zu unterstützen und voranzutreiben. Das Hauptaugenmerk liegt dabei im Bereich der Steuerung von Lebensversicherungsunternehmen sowie in Verfahren zur Aggregation von Wertbeiträgen der verschiedenen Unternehmensbereiche auf Konzernebene. Zu diesem Zweck führen wir u.a. empirische Studien durch, die den aktuellen Stand der Umsetzung wertorientierter Steuerungsinstrumente in der deutschen Versicherungsbranche untersuchen. Die hieraus erzielten Erkenntnisse helfen bei der Konzeption realistischerer Steuerungsmodelle und zeigen eventuell vorhandene Entwicklungsdefizite im Markt auf.

Im Rahmen dieser Forschungsarbeiten haben wir insbesondere erstmalig eine saubere und konsistente Definition des Begriffs „Market-Consistent Appraisal Value“ (MCAV) gegeben und die zugrundeliegenden Prinzipien beschrieben. Im Rahmen seiner Value-Added-Analyse spielt er eine fundamentale Rolle für eine wertorientierte Steuerung in der Lebensversicherung.

Im Rahmen der wertorientierten Unternehmensführung werden von Lebensversicherungsunternehmen und von Nicht-Lebensversicherungsunternehmen verschiedene Kennzahlen für die Messung von Performance herangezogen. Dies ist in der unterschiedlichen Natur des jeweiligen Versicherungsgeschäftes begründet. Während Lebensversicherungsverträge in der Regel Laufzeiten von über zehn Jahren besitzen, laufen Nicht-Lebensversicherungsverträge bereits nach einem Jahr aus (werden aber typischerweise jährlich verlängert). In der Konsequenz verwenden Lebensversicherer typischerweise mehrperiodige Performancemaße wie beispielsweise den marktkonsistenten Embedded Value (Market-Consistent Embedded Value; MCEV). Die eigentliche Performance wird hierbei durch die Veränderung des MCEV von einem Jahr zum anderen gemessen (MCEV Earnings). Nicht-Lebensversicherer hingegen verwenden einperiodige Performancemaße wie beispielsweise den Economic Value Added (EVA) oder den Risk-Adjusted Return on Capital (RAROC). In der europäischen Union ist die Trennung zwischen Lebensversicherungsgeschäft und Nicht-Lebensversicherungsgeschäft gesetzlich geregelt. Nichts desto trotz gibt es viele Versicherungsgruppen, die sowohl aus Lebensversicherungsunternehmen als auch aus Nicht-Lebensversicherungsunternehmen bestehen. Aus Sicht der Versicherungsgruppe ist somit die Verwendung von unterschiedlichen und inkonsistenten Kennzahlen für die wertorientierte Performancemessung als unbefriedigend anzusehen. Es stellt sich die Frage ob diese Kennzahlen miteinander vergleichbar sind und ob nicht einen Kennzahl auf die andere übertragen werden kann und so in einem einheitlichen Rahmen zusammengefasst werden kann.

Für die Anwendung einer wertorientierten Performancemessung spielt außerdem die adäquate Bewertung der zugrundeliegenden versicherungstechnischen Risiken eine entscheidende Rolle. Bisher gibt es im Rahmen der Bewertung des versicherungstechnischen Risikos eines Nicht-Lebensversicherers allerdings nur die ultimative Sichtweise, d.h. die Unsicherheit über zukünftige Schadenzahlungen wird bis zur endgültigen Abwicklung aller Schäden berücksichtigt, und die einjährige Sichtweise, d.h. die Unsicherheit über zukünftige Schadenzahlungen wird nur für das nächste Kalenderjahr berücksichtigt. Für die wertorientierte Unternehmensführung hingegen wird oft ein mehrjähriger Planungshorizont von beispielsweise fünf Kalenderjahren zu Grunde gelegt. Es stellt sich somit die Frage ob die einjährige Sichtweise zur Bewertung des versicherungstechnischen Risikos nicht auf eine mehrjährige Sichtweise erweitert werden kann.

Veröffentlichungen

The Multi-Year Non-Life Insurance Risk
Dorothea Diers, Martin Eling, Christian Kraus und Marc Linde, 2013, The Journal of Risk Finance, 14(4): 353–377 (DOI)
EVA/RAROC versus MCEV Earnings: A Unification Approach
Christian Kraus, 2013, The Geneva Papers, 38: 113–136 (DOI)
Market-consistent embedded value in non-life insurance: how to measure it and why
Dorothea Diers, Martin Eling, Christian Kraus und Andreas Reuß, 2012, The Journal of Risk Finance, 13(4): 320–346 (DOI)
DCF und MCEV/MCAV als wertorientierte Bemessungsansätze für die Lebensversicherung
Michael Seyboth, 2009, Working Paper

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